0
0,00  0 Produkte

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Lasst mir Zeit

Ich habe lange überlegt, wie ich anfange.
Sinnvoll wäre ja eigentlich mit Schwangerschaft und Geburt zu beginnen.
Irgendwie hat sich das für mich nicht stimmig angefühlt, denn mein Weg zur freien Bewegungsentwicklung beginnt bei den Kindergartenkindern.
Am Ende bin ich einfach zu dem Entschluss gekommen, dass ich euch meine Erfahrungen erzählen möchte. In der Reihenfolge, wie ich sie erlebt habe.

Mit etwa 14 Jahren machte ich im Kindergarten ein freiwilliges Praktikum. Ob es die Pfingst- oder Osterferien waren, weiß ich nicht mit Sicherheit. Jedenfalls war das Wetter sehr gut und wir waren jeden Tag draußen.
Dort gibt es ein Klettergerüst, ein Spielhaus mit Kletterdach und eine Eisenbahn mit vielen Klettermöglichkeiten. Am ersten Tag hob ich die Kinder hoch, wenn sie nicht hoch kamen, hielt sie oder half ihnen nach oben.
Am zweiten Tag war eine andere Erzieherin mit draußen und sie sagte mir, dass ich die Kinder bitte selbst klettern lassen soll. Zunächst war ich völlig irritiert und scheinbar war mir meine Irritation ins Gesicht geschrieben.
Sie erklärte mir, wenn wir die Kinder hochheben, dann ist das sehr gefährlich, weil Kinder von sich aus nur soweit gehen, wie sie es auch sicher schaffen. Sobald wir eingreifen, kann es passieren, dass Kinder oben stehen und nicht runter kommen oder gar stürzen.

Ok – Das schien mir logisch und in den nächsten Tagen konnte ich beobachten, wie recht sie hatte.
Außerdem fiel mir etwas auf, für das ich kaum Worte finden kann. Im ersten Moment fiel es mir noch schwer mein Eingreifen zu unterlassen. Die Kinder mühten sich so ab, um nach oben zu kommen und es wäre doch nur ein kleiner Handgriff von mir, der sie an ihr Ziel bringen könnte. Doch sehr schnell erkannte ich, wenn ein Kind sein Ziel alleine erreicht, hat das etwas magisches.

Dieser kleine Handgriff von mir ist für das Kind der monumentale Unterschied zwischen: Es alleine geschafft haben und auf Hilfe angewiesen zu sein.
Ein kleiner Handgriff von mir, mit dem ich glaubte zu helfen, war in Wahrheit mehr Hindernis als Hilfe. Das wurde mir in diesem Praktikum klar.


In meinem zweiten Ausbildungsjahr arbeitete ich in einer schulvorbereitenden Einrichtung. Das war wohl beruflich gesehen das mit Abstand lehrreichste, schönste und auch anstrengendste Jahr meines Lebens. Dort betreute ich Kinder, die mit der Diagnose Sprachbehinderung in die Einrichtung kamen oder die aus verschiedenen Gründen von Behinderung bedroht waren/sind. Zu Deutsch: Das waren Kinder, die in unterschiedlicher Form benachteiligt waren oder auch heute noch sind.
Meine Anleiterin dort war Motopädin. Von ihr lernte ich sehr viel über Psychomotorik.
In diesem Jahr konnte ich lernen was es mit einem Kind macht, wenn es lernt seinen Körper zu beherrschen. Während ich diese Worte schreibe, bekomme ich Gänsehaut.

Da waren Kinder, die sich kaum sprachlich ausdrücken konnten, viele wurden gehänselt, manche erlebten zu Hause unaussprechliches. Fakt ist, all diesen Kindern war klar: „Ich bin nicht normal, deshalb bin ich hier.“ Das ist SCHEISSE!! Inklusion ist aber ein anderes Thema, auf das ich gerade nicht hinaus will…
Jedenfalls erlebte ich in diesem Jahr welche phänomenalen Auswirkungen es hat, wenn Kinder die Möglichkeit haben sich motorisch entfalten zu können. Da geht es um so viel mehr, als um die körperliche Fitness. Kinder, die schon in sehr jungen Jahren Glaubenssätze wie „ Ich bin schlecht“ „Ich kann nichts“ „Ich brauche extra Förderung, weil ich nichts kann“ mit sich tagen, bekommen plötzlich das Gefühl etwas alleine schaffen zu können, gut in etwas zu sein und etwas aus eigenem Antrieb erreichen zu können.

Am Ende des Schuljahres durfte ich im Garten sitzen und Kindern dabei zusehen, wie sie ganz unbeschwert und voller Freude über Tische und Stühle hüpften, aus dem Stand Saltos schlugen und völlig frei genossen sich zu bewegen. Das ist eine Zeit, die ich mir für immer im Herzen bewahren werde.
Als Mama eröffnete sich mir wieder eine ganz neue Perspektive der freien Bewegungsentwicklung. Bei einer Fortbildung begann ich zu verstehen, dass Störungen in der Entwicklung nicht dadurch entstehen, dass Erwachsene nicht gut genug erklärt haben, wie es richtig geht, sondern indem zu viel in die Entwicklung eingegriffen wird. Seitdem war für mich klar: Ein gesundes, „normal“ entwickeltes Kind braucht keine Förderung!

Ich bin mir sehr sicher, dass kein Förderprogramm dieser Welt besser zur Entfaltung eines kleinen, gesunden Kindes beitragen könnte, als sein eigener, innerer Antrieb. Das ist ja am Ende die Kernaussage hinter „Kindern vertrauen“. Erwachsene dürfen aufhören sich Übungsprogramme einfallen zu lassen und stattdessen anfangen darauf zu vertrauen, dass es die Kinder selbst sind, die am besten wissen, was gut für sie ist. Als Erzieherin im Kindergarten hatte ich über die Jahre schon immer mehr verstanden, wie das aussehen kann. Aber was heißt das für mich als Mama bzw. für uns Eltern? Emmi Pikler beschreibt in ihrem Buch „Lasst mir Zeit“ eindrucksvoll, wie Kinder sich entfalten, wenn ihnen in ihrer Entwicklung nicht vorgegriffen wird und sie gleichzeitig nicht ausgebremst werden – wenn sie einfach in ihrem Tempo, nach ihrem inneren Bauplan wachsen dürfen.

Mich berührten diese Zeilen sehr:
„Die Kinder sitzen, gehen, bewegen sich – das stimmt. Aber wie? Komisch, plump, ungeschickt, steif und vor allem nicht ökonomisch. Sie werden leicht müde. Sie fallen oft und ungeschickt. Verhältnismäßig oft verletzen sie sich ernstlich. Sie sitzen, gehen usw. nur gerade irgendwie. Wenn wir uns auf den Straßen, Spielplätzen, in den Kindergärten, den Schulen recht umsehen, wenn wir uns an bekannte Kleinkinder erinnern, so müssen wir zu diesem betrüblichen Resultat gelangen.
Freilich, mit uns Erwachsenen sieht es in dieser Hinsicht auch nicht besser aus. Wir betrachten es geradezu als selbstverständlich, dass wir nach 1-2 Stunden Gehen „nicht mehr auf den Beinen stehen können“, nach einigen Stunden Sitzen unsere steif gewordenen Glieder nur schwer in Bewegung bringen usw. Aber das ist bei weitem nicht natürlich. Wer richtig sitzt, wird vom Sitzen selbst nicht müde, wer richtig steht, ist viel länger imstande, ohne Ermüdung zu stehen, als wir uns vorstellen können.“ – Emmi Pikler; Friedliche Babys – zufriedene Mütter

Das beste Beispiel bin ich selbst und ich habe mir in den Kopf gesetzt, dass das bei meinen Kindern anders sein wird.
So kam es, dass ich mich näher mit Emmi Pikler und freier Bewegungsentwicklung ab der Geburt beschäftigte. Was ich sehr schnell merkte ist, dass es viel weniger um Anweisungen geht, wie mit Babys umgegangen werden muss, als vielmehr um die innere Einstellung. Grundlage ist der Respekt vor dem Kind.

Dazu gehört zum Beispiel:

1. Kinder nach ihren Anlagen wachsen lassen

Kinder haben ganz unterschiedliche Anlagen. Wann ein Baby etwas lernt, ist für den Erwachsenen, zu dem es heranwächst, völlig egal. Wenn Kinder etwas üben sollen, das sie noch nicht können, dann kann das sehr wohl langfristige Folgen haben. Natürlich kann das meiste auch wieder durch Therapie aufgeholt werden, aber wozu? Das gerne herangezogene Extrembeispiel ist der „Gehfrei“, der wirklich in vielen Fällen zu Auffälligkeiten in unterschiedlichen Entwicklungsbereichen und auch Problemen im Erwachsenalter führt. Auch hinsetzen, ehe sich das Kind selbst hinsetzt oder das Führen an der Hand sind Formen des Vorgreifens in der Entwicklung.
Verhaltensweisen der Erwachsenen nach Pikler
(Zusammenfassung aus einem Text von Emmi Pikler)
Die Erwachsenen spornen die Kinder zu keinen Bewegungen an.
Die Säuglinge werden immer auf den Rücken gelegt, bis sie aus eigener Kraft die Position wechseln können.
Das Baby wird nie aufgesetzt bis es sich von selbst aufsetzen kann. Während seiner Versuche sich zu setzen, geben die Erwachsenen keine Hilfestellung. Es gibt keinerlei Sitzgelegenheiten, in denen die Kinder festgeschnallt werden können. (Wippen, Hochstühle usw.)
Das Kind, das noch nicht aufstehen kann, wird nicht hingestellt. Es gibt keinerlei Geräte, in denen das Kind stehend gehalten werden kann. (Gehfrei, Türhopser, Lauflernwägen usw.)
Das Kind wird nicht an der Hand geführt. Wenn ein Kind einer erwachsenen Person die Hand reicht, dann nimmt sie es auf den Arm, statt es an der Hand zu führen. Nur wenn die Kinder sicher frei gehen und nähe suchen, laufen sie an der Hand von Erwachsenen*.
Die spontanen Bewegungsversuche der Kinder werden nicht unterbunden oder verboten.
Wenn Kinder, die schon gut laufen können, das Bedürfnis haben zu krabbeln oder zu kriechen, dürfen sie dem selbstverständlich nachgehen.
Die Erwachsenen freuen sich mit den Kindern über ihre selbstständigen Bewegungsversuche. Dabei geht es nicht um Lob, sondern um Beziehung zum Kind. Die Erwachsenen reagieren auf die Feinzeichen der Kinder und schaffen so eine positive Atmosphäre, die Raum für Entfaltungen schafft.

2. Bewertungen überdenken – Schneller ist nicht gleich besser

Oft lesen Eltern: „Hört auf eure Kinder zu vergleichen!“ Das sehe ich anders. Es ist ganz normal, dass wir vergleichen. Das ist die Art, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet. Ich denke viel wichtiger ist es, sich gut zu überlegen, wie wir die Entwicklung von Kindern bewerten. Ein Kind, das mit zehn Monaten läuft ist zum Beispiel nicht zwangsläufig fitter, als eines, das mit 18 Monaten läuft.
Es ist auch nicht zwingend so, dass Kinder in einem Bereich schneller und dafür in einem anderen langsamer sind. Entwicklung ist sehr vielfältig. Manche Kinder beobachten mehr, ehe sie dann langsam und vorsichtig ins Handeln kommen und andere probieren bis es klappt. Manchmal verändert sich das auch in verschiedenen Entwicklungsphasen. Nichts davon ist besser oder schlechter. Es ist einfach unterschiedlich.

3. Bequeme Kleidung und Platz für Bewegung

Den Kindern wird möglichst oft die Möglichkeit gegeben sich frei zu bewegen. Am besten tragen sie nur sehr wenig oder keine Kleidung, um in ihrer Bewegung nicht gestört zu werden. Zumindest die Füße sollten, wenn möglich, nackig bleiben.

4. Feinfühlig auf die Bedürfnisse eingehen

Erwachsene Zeigen ihre Liebe, indem sie das Kind gut versorgen, so, dass es dem Kind persönlich entspricht. Jedes Kind ist anders. Beobachtung ist unglaublich wichtig. Man sollte die Kinder kennenlernen, um gut auf ihre Bedürfnisse eingehen zu können. Erwachsene dürfen sich Zeit nehmen und lernen Kinder zu verstehen.

5. Zeit statt Zeug

In den ersten Wochen und Monaten benötigen Säuglinge kein Spielzeug. Die Welt ist so voll von neuen Eindrücken, dass Spielsachen eher zu Überforderung führen. Greiflinge sind erst dann sinnvoll, wenn das Baby selbst danach greift. Zu Beginn tut es ein einfaches weiches Tuch. Es ist sehr wertvoll, wenn Kinder die Möglichkeit haben, sich beispielsweise ausgiebig mit ihren Händen und Füßen zu beschäftigen. Spielsachen sind dabei oft eher hinderlich.
Mit Sicherheit könnten hier noch mehr Aspekte aufgeführt werden. Ich denke das waren die wichtigsten.
Bei uns gibt es die Regel, dass die Kinder dürfen was sie selbstständig können und nicht dürfen, was sie alleine nicht schaffen. 100%ig lässt es sich nicht umsetzen, aber zumindest an den meisten Spielplätzen, bei uns zu Hause und in der Natur klappt es ganz gut.

Oft habe ich das Gefühl es wirkt auf andere, als wäre ich zu faul meinen Kindern zu helfen. Ich bin einfach der Überzeugung, dass jedes Handgeben, Popohochschieben und Fußumsetzen heißt: „Du kannst es nicht.“
Was ich ihnen aber mit geben möchte ist: „Du kannst alles schaffen was du brauchst und du bist gut so wie du bist.“

Um ehrlich zu sein frage ich mich, wer festgelegt hat, dass es Sinn und Zweck des Spielplatzbesuchs ist die Kinder dazu zu bewegen oben auf dem Klettergerüst zu sein und wieder runter zu rutschen. Der Spielplatz hat so viel mehr zu bieten. Das Kletternetz kann auch unten ausgiebig erkundet werden. Die unteren reihen können hin und her durchklettert werden oder es ist möglich sich von unten hinzuhängen. Die Schaukel kann ausgiebig betastet und angeschubst werden. Ja, wir Erwachsenen wissen, dass die Schaukel wieder zurückkommt, wenn wir sie anschubsen. Kinder haben das Recht diese Erfahrung auch zu machen. Alleine die verschiedenen Untergründe wie Sand, Wiese, Hackschnitzel und Kiesel bieten eine Fülle an Erfahrungsmöglichkeiten. Auch die Wippe kann so viel mehr, als die meisten Erwachsenen sehen. Es ist unglaublich wertvoll für die Entwicklung der Kinder, wenn sie ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen.

Zum Abschluss möchte ich euch noch die Worte von Emmi Pikler mit auf den Weg geben:
„Natürlich wäre es ein Irrtum, zu meinen, dass wir die Kinder durch richtige Erziehung zu vollkommenen Wesen gestalten könnten. Ebensowenig geht jedes unrichtig behandelte Kind zugrunde. Durch sinnvolle Erziehung können wir aber erreichen, dass jedes Kind innerhalb seiner eigenen Fähigkeiten sich so gut wie möglich entwickelt. Es würde mich freuen, wenn dieses Buch helfen könnte, das Leben wenigstens einiger Kinder und ihrer Eltern zu erleichtern.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

© Lisa Back
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram