Maria Montessori gilt als DIE Reformpädagogin. Ihre Gedanken sind auch nach etwa 100 Jahren noch revolutionär und aktuell. Montessorischulen sind in vielen Teilen der Welt verbreitet und so haben schon sehr viele Menschen zumindest etwas von ihr gehört.
Montessorimaterial und der Satz "Hilf mir es selbst zu tun." das ist es wohl, was die meisten mit Maria Montessori in Verbindung bringen.
Tatsächlich steckt hinter Maria Montessori so viel mehr! Statt sich vorrangig an vorhandenen pädagogischen Konzepten zu orientieren, beobachtete sie die Kinder einfach so, wie sie waren.
Statt "Wie soll das Kind sich verhalten und wie bringe ich es dazu?" frage Maria Montessori sich "Was braucht das Kind, um sich nach seinem inneren Bauplan entwickeln zu können?".
Bild vom Kind
Wie sie über Kinder sprach und dachte, war für die Zeit, in der sie lebte, revolutionär! In Zeiten, in denen schwarze Pädagogik noch allgegenwärtig war und Frauen in der Wissenschaft ungern gesehen waren, verbreitete Maria Montessori voller Mut ihre Beobachtungen und Erkenntnisse. Auf
dieser Seite kannst du viele wertvolle gut recherchierte Artikel zur Geschichte der Pädagogik finden, um ein Bild davon zu bekommen, wie unglaublich wertvoll und wichtig die Arbeit Maria Montessoris war und bis heute ist.
Auch wenn Ärzte mit viel Reichweite, wie zum Beispiel Adalbert Czerny, sich öffentlich gegen sie aussprachen, blieb sie stark und kämpfte für die Kinder. In einer Welt, in der Kinder als unfertige Wesen galten, die mit Härte geformt werden mussten, um einem Idealbild zu entsprechen, nahm Maria Montessori es sich als Frau heraus, das Gegenteil zu behaupten. Während die Angst, dass Kinder zu Tyrannen heranwachsen, wenn man sie verwöhnt, den Umgang mit Kindern bestimmte, war Maria Montessori zu der Erkenntnis gekommen, dass Kinder weder Lob noch Tadel brauchen, sondern Erwachsene, die ihnen voller Respekt und Ehrfurcht begegnen.
"Vor unseren Augen formte sich ein neues Bild; nicht das Bild einer Schule oder einer Erziehung. Es war der Mensch, der vor uns entstand. Der Mensch offenbarte seinen wahren Charakter in seiner freien Entwicklung; er bewies seine Größe, als kein geistiger Zwang sein inneres Wirken begrenzte und auf seiner Seele lastete.
(...) Man muß sich stets vor Augen halten, daß der Mensch sich nicht an der Universität entwickelt, sondern daß seine geistige Entwicklung bei der Geburt beginnt und in den ersten drei Jahren am stärksten ist. Diesen drei Jahren gebührt mehr als allen anderen die wachsamste Sorge. (...) es (das Kind) wird sich als das größte und trostreichste Wunder der Natur offenbaren. Wir werden somit nicht mehr ein Kind vor uns haben, das als kraftloses Wesen betrachtet wird, so etwas wie ein leeres Gefäß, das mit unserem Wissen vollgestopft werden muß, sondern es zeigt sich vor uns in seiner Würde, indem wir in ihm den Schöpfer unserer Intelligenz erblicken, ein Wesen, das, geleitet von einem inneren Lehrmeister, voll Freude und Glück nach einem festen Programm unermüdlich an dem Aufbau dieses Wunders der Natur, dem Menschen, arbeitet."
- Maria Montessori
Dieses wundervolle Zitat kommt aus dem ersten Kapitel "Das Kind in der Neugestaltung der Welt", des Buches
"Das Kreative Kind - Erziehen ohne Zwang" von Maria MontessoriDie Quelle der Liebe - das Kind
Die gekürzte Fassung eines Vortrags von Maria Montessori
"Wenigen ist die soziale Bedeutung des Kindes klar. Natürlich muss meditiert und geforscht werden, will man Harmonie in der Welt schaffen. Nur in einem Punkt treffen in allen Seiten Zartgefühl aufeinander: Wenn man vom Kind spricht, besänftigen sich die Seelen; die gesamte Menschheit teilt die tiefe Emotion, die vom Kind ausgeht.
Das Kind ist eine Quelle der Liebe.
Kommt man mit ihm in Berührung, berührt man die Liebe. (…)
In Zeiten wie unseren, in denen der Krieg als Zerstörung ohnegleichen auch den entferntesten Teil der Erde erreicht hat und man meinen könnte, dass es reine Ironie sei, von der Liebe zu sprechen, ist es seltsam, zu beobachten, dass die Menschen nicht aufhören, von ihr zu sprechen. Es werden Pläne gemacht, sich zu vereinen, was bedeutet, dass die Liebe nicht nur existiert, sondern auch eine grundlegende Kraft ist. (…)
Jeder Beitrag, der den Wert der Liebe ans Licht rückt, ist Liebe in sich, müsste begierig aufgenommen werden und mit besonderem Interesse betrachtet werden. Ich sagte, dass die Dichter und die Propheten von der Liebe als einem Ideal gesprochen haben; aber sie ist kein Ideal, sie ist Wirklichkeit, die immer war und stets sein wird.
Wir müssen uns darüber klarwerden, dass wir diese Liebe nicht deshalb empfinden, weil sie uns in der Schule gelehrt wurde.
Auch wenn man von uns verlangt hätte, die Werke der Dichter und Propheten auswendig zu lernen, sind ihre Worte doch nur wenige, und wir hätten sie im Geschehen des Lebens vergessen. Wenn die Menschen mit Ungestüm mach Liebe verlangen, dann tun sie das nicht, weil sie davon sprechen gehört oder darüber gelesen haben. Die Liebe und das Streben nach Liebe sind nicht Dinge, die gelernt werden, sie gehören zum Vermächtnis des Lebens. (…)
Wir müssen sie (die Liebe) vom Standpunkt des Lebens selbst betrachten; dann ist sie nicht nur eine Vorstellung oder ein Streben, sondern die Realität einer ewigen Energie, die durch nichts zerstört werden kann. (…) Diese Kraft, die wir als Liebe bezeichnen, ist die größte Energie des Universums. Aber diese Bezeichnung ist nicht angemessen, denn sie ist mehr als nur Energie: Sie ist die Schöpfung selbst. Besser wäre zu sagen: „Gott ist Liebe.“ (…)
Lassen sie mich die Worte eines Propheten anführen, den ich kenne und der über die Liebe mit einer solchen Kraft sprach, dass heute diese seine Worte nach zweitausend Jahren noch in den Herzen der Menschen aller Christen stark wiederklingen: „Wenn ich die Sprache der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Und wenn ich die Gabe er Weissagung hätte und alle Geheimnisse wüsste und alle Wissenschaft, und wenn ich eine Glaubenskraft hätte, dass ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe zur Speisung der Armen austeilte und meinen Leib zum Verbrennen hingäbe, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir nichts.“ (Paulus and die Korinther, 1,13) (…)
Wir haben große Einrichtungen geschaffen, um die Armen zu nähren und zu kleiden, aber wenn wir es nicht mit Liebe tun, ist es, als würden wir eine Trommel schlagen, die nur Lärm macht, weil sie leer ist. Was ist also die Liebe?
Paulus, der uns diese Beschreibung ihrer Größe gegeben hat, fährt fort, aber gibt uns keine philosophische Theorie. Er schreibt: „Die Liebe ist geduldig, ist gütig; die Liebe beneidet nicht, handelt nicht prahlerisch, bläht sich nicht auf, sie ist nicht ehrgeizig, nicht selbstsüchtig; sie lässt sich nicht erbittern, sie denkt an nichts Arges; sie freut sich nicht am Unrecht, sondern hat Freude an der Wahrheit; sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles.“
Es handelt sich um eine lange Aufzählung von Tatsachen, eine lange Beschreibung von Bildern, aber alle diese Bilder erinnern uns überraschend an die Eigenschaften des Kindes: Sie scheinen die Macht des absorbierenden Geistes zu beschreiben.
Dieser Geist, der alles aufnimmt, der nicht Urteilt, nicht zurückstößt, nicht reagiert. Er absorbiert alles und inkarniert alles im Menschen. Das Kind vollbringt die Inkarnation, um den anderen Menschen gleich zu werden, um sich an das Leben mit ihnen anzupassen. Das Kind erträgt alles: Es kommt auf die Welt, und in welcher Umgebung es auch geboren wird, bildet es sich und passt sich an, um dort zu leben. (…)
Der absorbierende Geist nimmt alles auf, hofft alles; akzeptiert die Armut wie den Reichtum, akzeptiert jeden Glauben, die Vorurteile und Gebräuche seiner Umgebung: Er inkarniert alles.
Das ist das Kind!
(…)
Wenn wir das Kind eindringlicher studieren, als wir es bis jetzt getan haben, entdecken wir Liebe in all ihren Aspekten. Die Liebe ist nicht von den Dichtern und Propheten analysiert worden, sondern von der Realität, die jedes Kind offenbart.
(…)
So ist es leicht zu verstehen, dass alles, was der Erwachsene schafft, auch wenn es als Fortschritt bezeichnet werden kann, ohne Liebe zu nichts führt. Aber wenn diese Liebe, die in jedem kleinen Kind gegenwärtig und mitten unter uns ist, in ihrer Potentialität oder in ihren entwickelten Werten verwirklicht wird, werden unsere bereits großen Errungenschaften unermesslich sein. Der Erwachsene und das Kind müssen sich vereinen; der Erwachsenen muss Demütig werden und vom Kind lernen groß zu werden. Es ist eigenartig, dass die Menschheit nur eines der vollbrachten Wunder nicht in Betracht gezogen hat: das Wunder, das Gott von Beginn an geschaffen hat: das Kind.
(…)
Alles ist nichts, wen die Liebe nichts ist.“ Die Liebe gilt mehr als die Elektrizität, die Licht in die Dunkelheit bringt, mehr als die Ätherwellen, durch die unsere Stimme den Raum durchdringt, mehr als jede Energie, die der Mensch entdeckt und ausgenützt hat: Von allen Dingen ist die Liebe das wichtigste. (…) Die Energie der Liebe hingegen ist uns gegeben, damit jeder sie in sich habe. Sie ist die größte Kraft, über die der Mensch verfügt. Der bewusste Teil, den wir davon besitzen, wird jedes Mal erneuert, wenn ein Kind geboren wird. (…)
Das Studium der Liebe und ihrer Anwendung führt uns zur Quelle, aus der sie entspringt: das Kind.
Das ist der Weg, den der Mensch in seien Leiden und Qualen einschlagen muss, wenn er die angestrebte Rettung und Einheit der Menschheit erreichen will."
Nach so vielen Jahren noch aktuell?
Wenn wir betrachten, wie sehr sich die Welt in den letzten fünfzig bis hundert Jahren gewandelt hat, ist es doch kaum zu glauben, dass Ideen Maria Montessoris kaum an Akutalität verloren haben.
Ich liebe es Texte von Maria Montessori zu lesen. Nachdem mein erstes Buch, das ich von Maria Montessori las, die Psychoarithmetik war, hatte ich leider eine Zeit lang Hemmungen mich an weiter Bücher und Vorträge von ihr heranzuwagen. Ein Fehler! Ganz viele der "neuen" Bücher über die Montessoripädagogik sind in meinen Augen weniger aktuell, als die älteren Bücher von Maria Montessori selbst.
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